Balance in Zeiten von Corona

Deutschland ist derzeit im Ausnahmezustand. Ausnahmen vom gewohnten Alltag sind zahlreich und ziehen sich durch alle Lebensbereiche. So erleben Menschen mit Coronaverdacht in Quarantäne ausnahmsweise, wie sich Isolationshaft oder Hausarrest anfühlen könnte. Aber auch ohne von dem Virus persönlich betroffen zu sein, ist jeder einzelne Bürger in seinen Gewohnheiten und gewohnten Rechten massiv eingeschränkt. Alle Aktivitäten im öffentlichen und privaten Bereich sind nicht mehr so durchführbar wie bis vor kurzem.

Elementare Vorgänge wie der Schulbesuch oder zur Arbeit zu gehen unterliegen strengem Reglement. Soziale Kontakte sollen vermieden werden – was nebenbei gesagt sträflicher Unsinn ist in dieser offiziell verbreiteten Formulierung, denn was braucht der Mensch mehr als soziale Kontakte in einer Zeit verordneter Isolation? Lediglich nahe körperliche Begegnungen sind gefährlich, jedenfalls im Hinblick auf die physische Gesundheit. Fehlende Sozialkontakte hingegen wirken sich negativ auf die seelische Gesundheit aus, was keine neue Erkenntnis aus Zeiten der Corona-Pandemie ist. Also ist man angehalten, sich auf alle erdenklichen anderen Arten zu begegnen, telefonisch, in Chat-Gruppen, beim Gespräch mit dem Nachbarn (in gebührendem Abstand). Übrigens: Bitte nicht auf Mundschutz unterhalb des FPP3-Standards bauen. Die sonstigen Produkte – egal ob selbstgenäht oder aus dem üblichen medizinischem Bedarf – dienen lediglich zum Schutz vor gröberen Invasionsversuchen von außen. Schließlich neigt der Mensch dazu, sich selbst täglich rund 300mal unbewusst ins Gesicht zu fassen. Abstand und Händewaschen hingegen sind wirksame Methoden zur Ansteckungsvermeidung.

Wie geht es angesichts dieser Aspekte den pflegenden Angehörigen im Allgemeinen und den Angehörigen von Menschen mit Demenz im Besonderen? Menschen, die wegen ihrer Lebenssituation und der Aufgaben, die sie diesbezüglich übernommen haben, mit Isolation und Kontaktarmut tragisch vertraut sind, deren Alltag auch ohne Corona in einer seelischen und körperlichen Schieflage sondergleichen hängt? Hier bekommt der Begriff „Balance“ eine besondere Bedeutung. Was nützt es, sich in den Kranken hineinversetzen zu können, wenn man pausenlos mit ihm zusammen ist, das Hineinversetzen einen nicht vor (bösen) Überraschungen schützt und niemand da ist, der sich in einen selbst hineinversetzen kann?

Hineinversetzen heißt, durch die Augen des Anderen sehen, in den Schuhen des Anderen stehen. Manche Menschen haben eine intuitive Begabung dafür. Am extremsten unter ihnen sind die sogenannten Empathen, die den Schwingungen von Gefühlen und Befindlichkeiten anderer Menschen kaum ausweichen können und die sich außerdem noch für das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen verantwortlich fühlen. Dass solche Menschen oft Berufe wählen, in denen sie sich um andere Menschen kümmern können, wie etwa in der Pflege oder der Sozialarbeit, ist nicht verwunderlich.

Menschen – auch die für Empathie besonders begabten – können sich dann am besten in andere Menschen hineinversetzen, wenn sie sich auch in ihrem eigenen Inneren zurechtfinden, sich darin wohlfühlen. Wenn sie ihre eigenen Befindlichkeiten und Gefühle wahrnehmen, ernstnehmen und damit bewusst und freundlich umgehen. Es geht beim Hineinversetzen ja nicht um unbegrenzte Durchlässigkeit und ungeschütztes Übernehmen von Leidensgefühlen oder auch Schmerzen anderer Personen. Das hilft weder dem Leidenden noch dem Unterstützer. Wenn sich letzterer ungeschützt in die Lage des ersten versetzt und sich mit ihm identifiziert, wird er handlungsunfähig. Manche Menschen mit großer Empathiefähigkeit äußern, sich angesichts der Leiden Anderer hilflos, sogar gelähmt zu fühlen. Vielmehr geht es um ein tiefes Verständnis für die – gemessen an üblichen Maßstäben – unverständlichen oder unpassenden Verhaltensweisen von Menschen, die aufgrund einer Erkrankung keine Möglichkeit mehr haben, selbst ihre innere Balance zu halten.

Hineinversetzen durch Nacherleben im Selbst-Bewusstsein. Entwicklung von Mitgefühl, nicht Mitleid. Verständnis dafür, dass es sich bei mir und dem anderen um zwei unterschiedliche und vor allem eigenständige Individuen handelt.

Jedem Menschen kann das Hineinversetzen in sein Gegenüber gelingen. Dafür muss er offen sein. Aber auch bestimmte Erfahrungen und Instrumente sind hilfreich. Das demenz balance-Modell© zum Beispiel macht es möglich, über einen eigenen fiktiven, aber nicht ausgeschlossenen Verlust das Gefühl von Verlust generell nachzuempfinden. Es zeigt aber auch die Möglichkeit und den Weg des Ausgleichs und damit der Balance. So erleichtert es das Hineinversetzen in einen Menschen, der selbst solche Verluste erfährt und macht es möglich, diesem einen geeigneten Ausgleich zur Wiederherstellung der Balance anzubieten.

Damit Pflegende, die ständig bei ihren kranken Angehörigen für Ausgleich und Balance sorgen müssen, diese Aufgabe bewältigen können, brauchen sie unsere Unterstützung. Der Anruf, bei dem sie ihre über ihre Sorgen sprechen, die zehn Minuten am Telefon, in denen sie mal Dampf ablassen oder Tränen vergießen können, einfach nur angehört und ernst genommen werden, helfen sehr. Das erlebt jede Beraterin, jeder Berater in diesem Bereich immer wieder. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, auf pflegende Angehörige zuzugehen. Darum die Bitte an alle, die Kontakt zu ihnen haben: Ruft einfach mal an.

Barbara Hergert

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