Diskussion über den Expertenstandard Beziehungsgestaltung
Hallo zusammen, ich möchte gerne mit euch über dieses Video von Michael Schmieder diskutieren. Es ist eine Video mit dem er auf eine Veranstaltung am 1. Oktober in Solingen aufmerksam machen möchte. Ziel der Tagung ist es, über den Expertenstandard kontrovers zu diskutieren. Ich möchte euch um eure Meinung zu seiner Haltung bzgl. des Standards bitten.
Barbara Klee-Reiter
Liebe MitmoderatorInnen, ich habe die Filmsequenz gesehen und kenne Herrn Schmieder als ehemaligen Gründer und Leiter der spezialisierten Einrichtung für Menschen mit Demenz (MmD) und Menschen mit schwerer Demenz (MmsD) Sonnweid in der Schweiz. Es wäre fantastisch, wenn jeder pflegende oder betreuende Mensch das Verständnis, so wie er es propagiert, hat und ganz natürlich mit dem Krankheitsbild Demenz umgehen würde. Der angesprochene bzw. die Expertenstandard(s) würde(n) wahrscheinlich wirklich überflüssig werden, wenn der Ursprung der Pflege auf ethisch moralischen Wurzeln, wie ich mit mir und damit mit meinem Mitmenschen umgehen möchte, basieren würde. Leider ist das bei den meisten Pflegenden und Verantwortlichen in der Pflege nicht mehr im Fokus. Es wird sich nicht mehr am Menschen, sondern ökonomisch orientiert zumindest in Deutschland. So sind u.a. Expertenstandards entwickelt worden, um bestimmte Qualitätskriterien für den Betroffenen zu erfüllen, d.h. es soll auf wissenschaftlich fundierten Kriterien die Pflege/der Pflegeprozess durchgeführt werden. Um etwas wissenschaftlich zu belegen, müssen wissenschaftliche Texte recherchiert und ausgewertet werden, um die bestmöglichen Ergebnisse im Sinne der Betroffenen/des Pflegebedürftigen zu erhalten. Deshalb finde ich die Äußerungen von Herrn Schmieder inadäquat und traurig, denn er „schießt“ damit in die Richtung der Gegner dieses Expertenstandards. Dieser Expertenstandard ist eine echte Herausforderung, die nötig ist und Pflegefachkräfte und Pflegekräfte wieder zu reflektierten handeln auffordert. Beziehungsgestaltung ist nicht so einfach , wie Herr Schmieder es darstellt, sondern hochkomplex. Und es gibt Pflegekräfte, die am Besten ihren Beruf wechseln sollten. An diesem Expertenstandard lässt sich das hohe Niveau der Pflege (nicht nur) für MmD und MmsD widerspiegeln! Das deutsche Gesundheitssystem ist zum schweizerischen different und wahrscheinlich ist dort die Altenpflege nicht dem „Markt“ unterworfen, wo es bei vielen Unternehmen auf Gewinn ausgeht und nicht auf menschenwürdiges Pflegen. Außerdem hat er seine MitarbeiterInnen früher ebenfalls geschult und damit es nicht personen-, sondern prozessbezogen ist, ist ein Expertenstandard m.E. sehr gut.
Hallo zusammen! Danke, dass Du zur Diskussion einlädst, liebe Barbara. Ich bin ebenso völlig bei Euch und finde, wir können den Standard Beziehungsgestaltung auch als eine Art „Revolte von innen“ betrachten. Wir haben uns über viele Jahre ein System der Separierung angeeignet, in dem wir gute Pflege beschnitten und bedeutsame Aufgaben und Werte der Pflege „outgesourced“ (schreibt man das so :-)?) haben. Ich mache mit dem Standard in der Praxis bisher nur gute Erfahrungen, er bringt – ob und mit seiner hohen Fachlichkeit und Theoretisierung, die Herr Schmieder anmahnt, die Menschen ins Handeln und vor allem ins Fühlen. Ich habe in meinen Schulungen 2019 viele Seminare mit dem Standard erlebt , bei denen PDLs und Heimleitungen vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekommen haben, weil junge WBLs sich „plötzlich“ vor der gesamten Führung committen, (wieder) Verantwortung zu übernehmen, die Person-zentrierte Haltung ihren Mitarbeitern vorzuleben und sagen „Hört mal, das ist ganz einfach, das sind Grundwerte der Pflege und des Miteinanders, wie können wir das für unser Haus auf den Weg bringen, womit können wir heute schon anfangen“. Ich finde, besser geht’s nicht. Ich wünsche Herrn Schmieder, dass er mit einem Augenzwinkern auf den Standard schauen kann – er ist ein wunderbares Vehikel, um in dem System, das wir jetzt haben und mit dem wir leben, wieder dahin zu kommen, was wirklich wichtig ist in der Pflege, respektive Begleitung von Menschen mit Demenz. Das führt dieser Standard wunderbar vor Augen – und es funktioniert. Jetzt haben wir alle die Möglichkeit der Wende, der Rückbesinnung auf die Bedeutsamkeit des „Haltung-Zeigens“ (im doppelten Sinne), und darüber freue ich mich sehr. Seid ihr auf der Tagung in Solingen zugegen? Herzlichst, Simone
Hallo zusammen,
vielen Dank für eure ausführlichen Kommentare zu dem Video von MIchael Schmieder. Ich bin auch der Meinung, dass der Expertenstandard eine gute Gelegenheit ist, die Prioritäten in der Pflege neu zu diskutieren. Um was geht es eigentlich in der Pfege von MmD? Der Standard gibt darauf eine gute Antwort: Es geht nicht um das WAS sondern um das WIE!
Ich mache seit 20 Jahren Fortbildungen, bei denen es genau darum geht. Meine Erfahrung ist, dass Pflegende sich begeistern lassen für die Idee, dass Pflege ausschließlich in Kontext von Beziehung stattfinden sollte. Für mich ist der Stanndard ein zukunftsweisendes Werk. Ich bin froh, dass es ihn gibt und ich werde mich engagieren, dass er auch so verstanden wird.
Herzliche Grüße
Barbara
Liebe Heike, liebe Barbara,
ich teile Eure Gedanken und merke, dass mich das Video von Michael Schmieder wütend und ratlos zurücklässt. Inhaltlich habt Ihr beide die wesentlichen Punkte bereits genannt. Was mich daneben am meisten frustriert, ist dass Michael Schmieder einen Gegensatz propagiert, der auf der einen Seite in „einfacher, guter Beziehungsgestaltung“ („das normalste der Welt… um das es eigentlich geht“) besteht und auf der anderen Seite „diese ganzen Standards“ sieht ( „die das einfachste der Welt zerreden und theoretisieren… und die Pflegenden mit theoretischem Gesäusel und Gelaber vollpumpen“). Diese Polarisierung ist nicht nur falsch, sondern im Sinne der notwenigen Qualitätsdiskussion höchst gefährlich. Was wir in Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz brauchen, ist mehr vom Gegenteil: Menschen und Prozesse, die beide Seiten glaubhaft zusammenbringen statt sie zur Spaltung zu nutzen. Sodass das Herz der Pflege, das in einer personenzentrierten Beziehungsgestaltung liegt, mit dem Verstand messbarer Kriterien zusammengebracht wird. Zu nichts anderem ruft der Expertenstandard meiner Einschätzung nach auf und ich bin froh, dass es ihn gibt…
Herzlich, Antje
P.S. Zu deiner Vermutung, liebe Heike… Ich habe in den letzten Wochen zufällig einige Seminare in der Schweiz gegeben. Danach kann ich nicht bestätigen, dass sich das dortige Gesundheitssystem vom Grundsatz her weniger an den Gesetzen des Marktes orientiert, als ich das in Deutschland erlebe.
Hallo zusammen,
was ich schade finde, ist, dass so ein prominenter Mensch, wie Michael Schmieder, der doch wirklich viel bewgegt hat, so billig den Standard kritisiert. Er sucht extra schwierige Textpassagen heraus, um sie dann zu kritisieren. Mir geht es da anders. Wenn ich den Standard lesen, läuft mir das Wasser im Munde zusammen.
Zum Beispiel Seite 16 „ein Mensch will so sein, wie er sich selbst begreift und erwartet, dass man ihn darin anerkennt“.
Oder Seite 44 „Die Planung der Beziehunggestaltung beginnt mit dem Finden von Zielen, welche für den Menschen mit Demenz bedeutsam sind.“
Ich könnte den ganzen Standard abschreiben!
Nein, ich bleibe dabei, die Kritik von Michael Schmieder ist vollkommen daneben!
Hallo zusammen,
Herrn Schmieder kenne ich nicht. Wenn er wirklich viel bewegt hat, bin ich um so erstaunter, dass er den Expertenstandard (und auch alle anderen) auf diese Art und Weise kritisiert. Einen Satz mitten aus dem Zusammenhang zu entnehmen und darauf die Kritik zu stützen ist für mich völlig unprofessionell.
Meiner Meinung nach sind die pflegewissenschaftlich begründeten Expertenstandards für eine qualifiziert durchgeführte Pflege unverzichtbar. Es ist gut, dass es den Standard „Beziehungsgestaltung“ gibt! Er nutzt meiner Ansicht nach nicht nur den Menschen mit einer Demenz und ich freue mich auf weitere Expertenstandards.
Schade, dass ich bei der Tagung im Oktober nicht dabei sein kann. Ich bin in dieser Zeit in Portugal am Meer und esse leckeren Tisch und trinke einen guten Wein dazu. Wenn jemand von euch nach Solingen fährt, würde es mich interessieren wie Herr Schmieder argumentiert.